Von Erdemli nach Hakkari
Unser erstes Etappenziel am Freitag war Gaziantep, knapp 330 Kilometer von Erdemli entfernt. Am späten Vormittag haben wir uns von Ramas Bruder Isa verabschiedet und dann führte uns die Fahrt zuerst noch an der Küste entlang, später ging es dann ins Landesinnere. Städte schienen fließend ineinander überzugehen und oft genug hingen wir im Verkehr fest oder wurden durch Ampeln ausgebremst. Es zog sich, dazu Temperaturen bei den selbst Motorrad fahren nicht wirklich Spaß macht. Wir haben dann häufiger mal Pause gemacht um etwas zu trinken und nach knapp 8 Stunden Fahrt haben wir Gaziantep erreicht. Der angepeilte Campingplatz erwies sich allerdings als reiner WoMo-Park, auch nach kurzer Verhandlung von Rama ließ man uns nicht hinein. Beim örtlichen Fußballverein gab man uns dann den Tipp, es mal in einem Hotel für Lehrer zu versuchen. Erfolgreich. 👍

Gaziantep liegt ca. 50 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Bis vor wenigen Jahren hatte hier die kurdische Untergrundorganisation PKK das Sagen. So wurde neben vielen anderen Opfern auch türkisches Lehrpersonal erschossen, um den Bildungsgrad der überwiegend kurdischen Bevölkerung zu unterdrücken. So weigerten sich viele Lehrer, in dieses Gebiet versetzt zu werden. Die die versetzt wurden, konnten dann in diesen Hotels ermäßigt wohnen. Heute ist dieses Hotel auch für andere Gäste verfügbar. Kämpfe gibt es in dem gesamten Gebiet in dem wir uns befinden schon länger nicht mehr, zumindest im Moment hat man sich auf politische Lösungen geeinigt. Auffällig sind aber die vielen militärischen Kontrollstellen mit schwer bewaffneten Fahrzeugen und viele Wachtürme auf den Bergen. So ganz scheinen sich Türken und Kurden immer noch nicht zu trauen.
Am nächsten Morgen sind wir schon früh zum Halfeti-Stausee aufgebrochen, etwa 1,5 Stunden Fahrt oder 90 Kilometer entfernt. Unterwegs noch eine kurze Führerscheinkontrolle durch die türkische Polizei, kamen wir um kurz nach 9 an dem Stausee an. Und dort haben wir uns dann eine einstündige Schiffstour gegönnt. Bei einem kurzen Zwischenstopp noch etwas kaltes getrunken und eigentlich wollte ich mir noch eine Zigarette dazu paffen. Hatte ich aber im Tankrucksack vergessen… Dort kaufen konnte man keine aber Mahmut, der Betreiber des Ladens, bot mir eine Zigarette von sich an und fragte dann auf Deutsch, wo wir herkommen würden. Auf meine Nachfrage woher er so gut Deutsch konnte bekam ich dann zu hören: „Icke war lange in Berlin, wa.“ Fotos von unserer kleinen Schiffstour gibt es hier. Die weiteren 300 Kilometer bis nach Mardin waren dann weniger heiter, wieder Bullenhitze und ein kräftiger Seitenwind, der uns nach jedem Überholmanöver in Schräglage brachte. Am frühen Abend erreichten wir Mardin und konnten uns noch 2 Plätze in einem Autopark sichern. Rama hat dann noch seine Drohne über der Stadt kreisen lassen und der Betreiber bestellte uns per Telefon noch etwas zu futtern. Und dann sind wir auch relativ schnell in unseren Zelten verschwunden…



Vorgestern dann noch einmal knapp 360 Kilometer bis nach Hakkari. Und diese Strecke erwies sich dann auch als die schönste. Der Start, sprich die ersten etwa 130 Kilometer waren allerdings eher stupides Geradeausfahren, erneut bei ziemlich hohen Temperaturen, dafür aber ohne diesen fiesen Seitenwind. Der Weg führte über weite Strecken direkt an der syrischen Grenze vorbei, später an der irakischen Grenze. Dann aber ging es in die Berge und das entlohnte für einiges. Fast 180 Kilometer fast ausnahmslos Kurven, tolle Landschaften, Passstraßen über 2000 Meter Höhe, traumhaft. Wie schon vorher erwähnt traute sich zu Zeiten der PKK hier niemand durch, Leute wurden ausgeraubt, entführt oder erschossen. Häufig waren auch wieder Wachtürme der türkischen Armee und Kontrollposten zu sehen, ein etwas beklemmendes Gefühl. Dafür wurde aber die Straße offensichtlich in den vergangenen Jahren neu gemacht und war, abgesehen von ein paar etwas ruppigeren Stellen, überwiegend in einem guten Zustand. Unterwegs trafen wir viele nette Leute, bekamen Getränke angeboten, Autofahrer fragen wo wir hin wollen, Gespräche an der Tankstelle und von einem Geistlichen bekamen wir noch gute Wünsche und als Glücksbringer eine Süre aus dem Koran. Und ich musste mehrmals wieder als Fotomodell dienen…
In Hakkari trafen wir am frühen Abend ein. Unser „Campingplatz“ ist eigentlich nur ein terrassenförmig am Hang liegender Garten, der auf knapp 1800 Meter Höhe einen schönen Blick über die Stadt bietet. @hakkari_camping existiert wegen der geschilderten Probleme der Vergangenheit erst seit 5 Jahren, überhaupt steckt der Tourismus hier noch in den Kinderschuhen. Schön für uns, ich bezweifle aber, dass das noch lange so bleibt. Gestern wollten wir eigentlich hoch bis auf 3000 Metern etwas wandern gehen, dass habe ich aber dann Rama überlassen. Schon die Zufahrt in der Stadt durch enge Gassen mit noch engeren Kurven, in denen selbst Motorräder kaum mit ihrem Wendekreis herum kamen, war gewöhnungsbedürftig. Schon nach kurzer Zeit gab’s dann Gravelroads vom allerfeinsten, teilweise mit Steigungen die die Reifen durchdrehen ließen. Bei knapp über 2400 Metern wurde mir das dann zu tricky und ich habe die Segel gestrichen. Mir zu viel Risiko, ich möchte gerne noch nach Hause kommen… Und so hatte ich, während Rama weiter den Weg nach oben nahm, den Rückzug angetreten und bei @hakkari_camping Fotos sortiert. Da bin ich nämlich in den letzten Tagen nicht zu gekommen.



Aber zumindest Rama hat sein gelbes Post-Moped noch bis nach oben geprügelt. Einschließlich mehrmaligem Verfahren, weil das GPS nicht mehr funktionierte. Und nach einer ausgiebigen Wanderung in der Höhe kam er gegen 19 Uhr reichlich platt wieder an. Gestern sind wir dann etwa 400 Kilometer weiter bis nach Dogubeyazit in Sichtweite des Ararat, des höchsten Berges der Türkei, gefahren. Vorbei am Van-See, dem größten Sees des Landes. Und die komplette Strecke führte ausnahmslos durch Höhen zwischen 1600 und 2600 Metern Höhe. Ab heute geht es dann wieder in Richtung Westen und es werden wohl wieder ein paar lange Tage, denn bis nach Kappadokien sind es auch noch – je nach Strecke – mindestens 1000 Kilometer.
