Von Erdemli nach Hakkari

Von Erdemli nach Hakkari

Unser erstes Etappenziel am Freitag war Gaziantep, knapp 330 Kilometer von Erdemli entfernt. Am späten Vormittag haben wir uns von Ramas Bruder Isa verabschiedet und dann führte uns die Fahrt zuerst noch an der Küste entlang, später ging es dann ins Landesinnere. Städte schienen fließend ineinander überzugehen und oft genug hingen wir im Verkehr fest oder wurden durch Ampeln ausgebremst. Es zog sich, dazu Temperaturen bei den selbst Motorrad fahren nicht wirklich Spaß macht. Wir haben dann häufiger mal Pause gemacht um etwas zu trinken und nach knapp 8 Stunden Fahrt haben wir Gaziantep erreicht. Der angepeilte Campingplatz erwies sich allerdings als reiner WoMo-Park, auch nach kurzer Verhandlung von Rama ließ man uns nicht hinein. Beim örtlichen Fußballverein gab man uns dann den Tipp, es mal in einem Hotel für Lehrer zu versuchen. Erfolgreich. 👍

Gaziantep liegt ca. 50 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Bis vor wenigen Jahren hatte hier die kurdische Untergrundorganisation PKK das Sagen. So wurde neben vielen anderen Opfern auch türkisches Lehrpersonal erschossen, um den Bildungsgrad der überwiegend kurdischen Bevölkerung zu unterdrücken. So weigerten sich viele Lehrer, in dieses Gebiet versetzt zu werden. Die die versetzt wurden, konnten dann in diesen Hotels ermäßigt wohnen. Heute ist dieses Hotel auch für andere Gäste verfügbar. Kämpfe gibt es in dem gesamten Gebiet in dem wir uns befinden schon länger nicht mehr, zumindest im Moment hat man sich auf politische Lösungen geeinigt. Auffällig sind aber die vielen militärischen Kontrollstellen mit schwer bewaffneten Fahrzeugen und viele Wachtürme auf den Bergen. So ganz scheinen sich Türken und Kurden immer noch nicht zu trauen.

Am nächsten Morgen sind wir schon früh zum Halfeti-Stausee aufgebrochen, etwa 1,5 Stunden Fahrt oder 90 Kilometer entfernt. Unterwegs noch eine kurze Führerscheinkontrolle durch die türkische Polizei, kamen wir um kurz nach 9 an dem Stausee an. Und dort haben wir uns dann eine einstündige Schiffstour gegönnt. Bei einem kurzen Zwischenstopp noch etwas kaltes getrunken und eigentlich wollte ich mir noch eine Zigarette dazu paffen. Hatte ich aber im Tankrucksack vergessen… Dort kaufen konnte man keine aber Mahmut, der Betreiber des Ladens, bot mir eine Zigarette von sich an und fragte dann auf Deutsch, wo wir herkommen würden. Auf meine Nachfrage woher er so gut Deutsch konnte bekam ich dann zu hören: „Icke war lange in Berlin, wa.“ Fotos von unserer kleinen Schiffstour gibt es hier. Die weiteren 300 Kilometer bis nach Mardin waren dann weniger heiter, wieder Bullenhitze und ein kräftiger Seitenwind, der uns nach jedem Überholmanöver in Schräglage brachte. Am frühen Abend erreichten wir Mardin und konnten uns noch 2 Plätze in einem Autopark sichern. Rama hat dann noch seine Drohne über der Stadt kreisen lassen und der Betreiber bestellte uns per Telefon noch etwas zu futtern. Und dann sind wir auch relativ schnell in unseren Zelten verschwunden…

Vorgestern dann noch einmal knapp 360 Kilometer bis nach Hakkari. Und diese Strecke erwies sich dann auch als die schönste. Der Start, sprich die ersten etwa 130 Kilometer waren allerdings eher stupides Geradeausfahren, erneut bei ziemlich hohen Temperaturen, dafür aber ohne diesen fiesen Seitenwind. Der Weg führte über weite Strecken direkt an der syrischen Grenze vorbei, später an der irakischen Grenze. Dann aber ging es in die Berge und das entlohnte für einiges. Fast 180 Kilometer fast ausnahmslos Kurven, tolle Landschaften, Passstraßen über 2000 Meter Höhe, traumhaft. Wie schon vorher erwähnt traute sich zu Zeiten der PKK hier niemand durch, Leute wurden ausgeraubt, entführt oder erschossen. Häufig waren auch wieder Wachtürme der türkischen Armee und Kontrollposten zu sehen, ein etwas beklemmendes Gefühl. Dafür wurde aber die Straße offensichtlich in den vergangenen Jahren neu gemacht und war, abgesehen von ein paar etwas ruppigeren Stellen, überwiegend in einem guten Zustand. Unterwegs trafen wir viele nette Leute, bekamen Getränke angeboten, Autofahrer fragen wo wir hin wollen, Gespräche an der Tankstelle und von einem Geistlichen bekamen wir noch gute Wünsche und als Glücksbringer eine Süre aus dem Koran. Und ich musste mehrmals wieder als Fotomodell dienen…

In Hakkari trafen wir am frühen Abend ein. Unser „Campingplatz“ ist eigentlich nur ein terrassenförmig am Hang liegender Garten, der auf knapp 1800 Meter Höhe einen schönen Blick über die Stadt bietet. @hakkari_camping existiert wegen der geschilderten Probleme der Vergangenheit erst seit 5 Jahren, überhaupt steckt der Tourismus hier noch in den Kinderschuhen. Schön für uns, ich bezweifle aber, dass das noch lange so bleibt. Gestern wollten wir eigentlich hoch bis auf 3000 Metern etwas wandern gehen, dass habe ich aber dann Rama überlassen. Schon die Zufahrt in der Stadt durch enge Gassen mit noch engeren Kurven, in denen selbst Motorräder kaum mit ihrem Wendekreis herum kamen, war gewöhnungsbedürftig. Schon nach kurzer Zeit gab’s dann Gravelroads vom allerfeinsten, teilweise mit Steigungen die die Reifen durchdrehen ließen. Bei knapp über 2400 Metern wurde mir das dann zu tricky und ich habe die Segel gestrichen. Mir zu viel Risiko, ich möchte gerne noch nach Hause kommen… Und so hatte ich, während Rama weiter den Weg nach oben nahm, den Rückzug angetreten und bei @hakkari_camping Fotos sortiert. Da bin ich nämlich in den letzten Tagen nicht zu gekommen.

Aber zumindest Rama hat sein gelbes Post-Moped noch bis nach oben geprügelt. Einschließlich mehrmaligem Verfahren, weil das GPS nicht mehr funktionierte. Und nach einer ausgiebigen Wanderung in der Höhe kam er gegen 19 Uhr reichlich platt wieder an. Gestern sind wir dann etwa 400 Kilometer weiter bis nach Dogubeyazit in Sichtweite des Ararat, des höchsten Berges der Türkei, gefahren. Vorbei am Van-See, dem größten Sees des Landes. Und die komplette Strecke führte ausnahmslos durch Höhen zwischen 1600 und 2600 Metern Höhe. Ab heute geht es dann wieder in Richtung Westen und es werden wohl wieder ein paar lange Tage, denn bis nach Kappadokien sind es auch noch – je nach Strecke – mindestens 1000 Kilometer.

Von Pamukkale nach Erdemli

Von Pamukkale nach Erdemli

Für die Fahrt von Pamukkale zu unserem nächsten Stop in Aspendos hatten wir uns eine schöne Strecke durch das Taurus-Gebirge ausgesucht, durch schöne aber auch sehr abgelegene Dörfer und über mehrere Gebirgspässe. In der Nähe von Aspendos hatten wir uns einen Campingplatz ausgesucht, an dem sind wir allerdings erstmal vorbei gefahren. Denn die Ausschilderung bestand lediglich aus einem roten Smiley auf einem Stein. Rama hatte dann bei dem Besitzer angerufen, allerdings meldete sich niemand. Wir haben uns dann auf die Suche nach einem anderen Platz gemacht und sind fast 20 Kilometer weiter gefahren. Außer diversen Rafting-Camps war allerdings nichts zu finden. Als wir uns schon wieder auf den Rückweg gemacht hatten, meldete sich Tom, der Betreiber des Campingplatzes bei uns, erklärte uns den Weg und schickte auch Fotos. Da haben wir auch wenig später die Zufahrt gefunden, allerdings war der Stein mit dem Smiley halb zugewuchert, weshalb wir auch daran vorbei gepfeffert sind. In der Beschreibung des Platzes stand ‚Die letzten 400 m Schotterpiste‘, allerdings stellten sich diese 400 Meter als über 2 Kilometer und teilweise auch recht anspruchsvoll heraus. Für Motorräder machbar, für Autos ohne Allradantrieb auch wegen steilerer Passagen und ein paar dicken Wackermännern auf dem Weg schon schwieriger.

Am Tor begrüßte uns Tom, gebürtiger Holländer, als wir am späten Nachmittag eintrudelten. Und ich habe ihn direkt mal gefragt, weshalb der Platz so schlecht ausgeschildert ist. Das wäre mir Absicht erwiderte er, er wolle dort keine ‚Pauschaltouristen‘ sondern sich sein seit etwa 5 Jahren erschaffenes Refugium weitestgehend erhalten. Er beherbergt dort überwiegend Jugendliche aus verschiedenen Nationen, die dort eine Art Ferienlager verbringen. Ab und zu ein paar Biker wie wir, ein paar ‚Wiederholungstäter‘ oder Gäste die mehr oder weniger zufällig dort gelandet sind. Im Winter ist er ca. 4 Monate daheim in Holland um etwas Geld zu verdienen, da der Platz nicht genügend abwirft. Wir haben uns am Abend noch lange mit ihm unterhalten, ein teilweise etwas schrullig wirkender Typ, allerdings mit gesunden Ansichten. So dürfen die Jugendlichen z. B. beim gemeinsamen Essen kein Handy benutzen, da die Kids verschiedene Sprachen sprechen ist bei Spieleabenden ausschließlich Konversation auf Englisch erlaubt. Ansonsten unternimmt er mit ihnen Ausflüge, Raftingtouren und ähnliches. Wäre für manche Jugendliche bei uns auch mal das richtige Trainingslager…

Am nächsten Morgen hatten wir dann wieder ein Aha-Erlebnis. Nachdem wir uns verabschiedet hatten sagte Rama zu mir, ich sollte schon mal vorfahren. Und dabei habe ich auf etwa der halben Strecke wohl eine falsche ‚Straße‘ erwischt. Es wurde steiler, es wurde felsiger und ziemlich dicke und vor allem spitze Wackermänner lagen da herum. Mir war klar dass ich mich verfahren hatte, allerdings ging es so steil bergab und war ziemlich eng, das keine Möglichkeit zum wenden bestand. Also Augen zu, irgendwie da hinunter kommen und hoffen, dass es einen Ausweg gibt. Als ich ziemlich unten angekommen war meldete sich Rama per Telefon und fragte wo ich gelandet wäre. Keine Ahnung, mein Navi zeigte nur Niemandsland und keinen Weg oder Straße an. Er hat sich dann auf die Suche gemacht und stand 10 Minuten später oben am Weg. Und weil er nur normale Straßenbereifung aufgezogen hat, kam er erstmal zu Fuß da hinunter gestiefelt. Als wir dann feststellten dass wenden wirklich unmöglich war, hat er sein gelbes Pony dann auch den Weg hinunter gewürgt und war danach ebenso schweißnass wie ich. Adventure eben… 🙄 Danach hat er noch die weitere Wegführung erkundet und festgestellt, dass wir eigentlich wieder bei Tom’s Lager herauskommen müssten. Kamen wir dann auch später, nahmen den richtigen Weg und haben uns dann ein paar Kilometer weiter erstmal an einem Restaurant etwas kaltes zu trinken genehmigt. Immer noch patschnass geschwitzt…

Als wir eine halbe Stunde später Aspendos erreichten, wo u.a. ein altes Amphitheater zu besichtigen ist, war ich immer noch fertig mit der Welt. Zudem brannte uns die Sonne auch schon wieder, trotz der noch frühen Stunde, mächtig auf den Pelz, Ich habe mir nur kurz das Theater angesehen und als Rama dann mit mir noch einen Berg hinauf wollte, um mir dort oben noch weitere Anlagen zu zeigen, habe ich dankend abgelehnt und hatte für den Tag die Schnauze voll von alten Steinen. Und mir statt dessen ein schattiges Plätzchen unter einem Baum gesucht… Rama hat sich noch das volle Programm gegeben und gegen Mittag haben wir uns dann auf den weiteren Weg gemacht. Der führte fast durchgehend an der Küste vorbei, durch mehrere bekannte türkische Urlaubsorte, die mit zumeist ziemlich großen Hotelbunkern zugepflastert sind. Die Geschmäcker sind ja verschieden, allerdings müsste man mir da schon viel Geld bieten, um dort einen Urlaub zu verbringen. Es wurde schon langsam dunkel, als wir noch einen Campingplatz direkt neben einer imposanten Burg fanden. Schnell die Zelte aufgebaut, geduscht und danach noch mit dem 88-jährigen Besitzer des schön gelegenen Platzes, der dazu noch deutsch sprach, länger unterhalten.

Am nächsten Morgen passierte etwas, dass zuvor noch nie geschehen war: Rama war vor mir aufgestanden und ich entdeckte ihn am Strand, von wo er seine Drohne mal über das Areal fliegen ließ. Als er zurückkehrte, zeigte er mir auch den Grund für sein frühes Aufstehen. Er ist wach geworden, weil sich unter seinem Zelt etwas bewegte und er dachte zuerst, es sei eine Schlange. Die Schlange stellte sich dann aber als Schildkröte heraus, die sich wohl ein kuscheliges Plätzchen gesucht hatte. Wenig später trieb der Schwiegersohn des Betreibers dann noch die Ziegenherde der Familie über den Platz, vorbei an unseren Zelten, zum grasen. Camping auf türkisch… 😏 Als wir dann unsere Sachen wieder zusammengepackt hatten, haben wir uns auf die vorerst letzten 170 Kilometer bis nach Erdemli, wo wir 2 Übernachtungen bei Ramas Bruder Isa vereinbart hatten. Dort kamen wir am frühen Nachmittag an, es war heiß, schwül und als wir unsere nötigsten Sachen abgeladen hatten, galt mein erster, zweiter, dritter und vierter Gedanke nur noch der Klimaanlage. Zu einem fünften Gedanken war ich nicht mehr fähig…

Und Rama hatte von seiner Mutter in Kappadokien den Auftrag bekommen, sich gut um seinen Gast zu kümmern. Über die tolle Gastfreundschaft unterwegs hatte ich ja schon geschrieben und auch Rama hat mich umsorgt wie eine Amme. Die Wäsche wurde gewaschen und aufgehängt, Kaffee gekocht, Essen serviert, mein Bett gemacht, ich kam mir schon fast vor wie im Luxushotel. Auch mit seinem Bruder Isa habe ich mich gleich gut verstanden, er fährt übrigens auch Motorrad. Am Donnerstag früh sind wir dann erstmal zu einem der zahlreichen Friseure gefahren. Wir hätten auch zu Fuß hingehen können, hatten aber im Anschluss noch einen Ölwechsel in der Werkstatt von Ali, Isas bestem Kumpel, geplant. Beim Friseur gab es erstmal Cay, anschließend das volle Programm mit Kopfmassage, jedes kleinste überflüssige Haar wurde abgeflämmt, die geschnittenen Haare mit einer kühlendem Mentholschaum eingepappt und was weiß ich nicht noch alles. Zum Abschluss gab es noch ein wenig Smalltalk, einen weiteren Cay und für jeden einen Teller mit kalter Wassermelone. Fehlte eigentlich nur noch die Zigarette danach… 😎

Anschließend sind wir dann zu Ali gefahren, wo es auch erstmal einen türkischen Kaffee gab. Wenig später haben wir dann die Mopeds vor der Werkstatt platziert, ich habe meine Motorschutz demontiert und das Öl abgelassen. Während der Herr Ünlü es vorzog, sich lieber nicht die Finger schmutzig zu machen. Während das Altöl in die Wannen plätscherte wurde dann entschieden, dass ich unbedingt eine lokale Spezialität probieren müsste. Kurzerhand wurde einer der Lehrjungen beauftragt, Futter und etwas zu trinken zu besorgen. Um es kurz zu machen, es hat geschmeckt, der Ölwechsel war erfolgreich und ich war öliger als vorher. Musste dafür aber auch nur das neue Motoröl bezahlen, während der Herr Ünlü auch noch Arbeitskosten berappen musste. Danach haben wir noch eine ganze Zeit zusammen gesessen und geredet, zwischenzeitlich hatten sich noch Isa und ein alter Freund von Rama zu uns gesellt, noch einen Cay und noch einen Cay getrunken und urplötzlich war es fast Nachmittag. Hier in der Türkei läuft eben alles ein bisschen anders ab, in jeder Beziehung. Und offensichtlich stressfreier… Rama muss ja leider schon Ende des Monats wieder daheim in Frankfurt sein, weil er eine neue Wohnung bezieht und noch einiges zu erledigen ist. Ansonsten wären wir mit Sicherheit noch etwas länger in Erdemli geblieben.

In der Zwischenzeit sind wir schon wieder knapp 1200 Kilometer weiter bis nach Hakkari gefahren. wo wir noch etwas durch die Berge fahren wollen. Von Hakkari hatte ich zuvor noch niemals gehört, die Stadt liegt im Grenzgebiet zu Syrien und dem Iran auf etwa 1800 Meter Höhe und galt bis vor 5 Jahren als kurdische PKK-Hochburg. Da hätte sich weder ein Türke und erst recht kein Tourist hierher getraut. Wegen Ramas Zeitdruck müssen wir allerdings buchstäblich etwas Gas geben, dementsprechend gibt es im Moment auch nicht so viele Fotos. Ein paar Bilder der letzten Tage habe ich noch in eine Galerie gepackt, die könnt ihr euch hier ansehen. Von unserer Fahrt nach Hakkari erzähle ich dann im nächsten Beitrag. Das soll es erstmal gewesen sein, Grüße aus der Türkei.

Angekommen in der Türkei

Angekommen in der Türkei

Nach einer nächtlichen Fährfahrt von Piräus aus kamen wir gegen halb 5 am Morgen auf der Insel Chios an. Und das ziemlich gerädert, weil ein ganzes Geschwader von Hunden sich gegenseitig anbellte und das quasi im Minutentakt. Also haben wir uns im Hafen von Chios erstmal einen Kaffee als Muntermacher reingezogen und danach auf unsere weitere Fähre von Chios bis nach Cesme in der Türkei gewartet. Die sollte um 9 Uhr abfahren, doch weil die Zollabfertigung dort etwas chaotisch ablief, kamen wir fast auf den letzten Drücker aufs Boot. Eine gute Stunde dauerte die Fahrt, doch der richtige Stresstest sollte erst noch folgen. Wir parkten unsere Motorräder vor dem türkischen Zollgebäude, nahmen unsere Papiere mit und stellten uns brav in der Reihe an. Und mit einem Blick auf meine grüne Versicherungskarte fielen mir beinah die Schuppen aus den Haaren.

Denn darauf war das ‚TR‘ für Türkei durchgekreuzt. Kleiner Gag am Rande: Mit dieser Versicherungskarte bin ich im vergangenen Jahr auf der Mongolei-Tour auch durch die Türkei gefahren, auch die Stempel für Ein- und Ausreise sind noch im Reisepass. Rama meinte dann, eventuell hätte ich Glück und die türkischen Zöllner würden wieder etwas nachlässig kontrollieren. Hat nicht geklappt, das kann man schon vorweg nehmen. Zudem war Samstag und in Cesme gibt es kein Versicherungsbüro wie an den meisten Landgrenzen. Mein Glück, dass ich einen türkischen Freund dabei habe, denn Rama musste mir da aus der Patsche helfen. Nach einigen Telefonaten u.a. mit seinem Bruder bekamen er dann einen Menschen an die Strippe, der diese Versicherungen normalerweise an der bulgarisch/türkischen Grenze ausstellt. Kopie der Fahrzeugpapiere und Reisepass-Nr. per WhatsApp gesendet, Geld musste Ramas Bruder Isa überweisen und eine gute halbe Stunde später kam der Beleg per E-Mail. Schwein gehabt und Wohl dem, der sich auf seine Freunde verlassen kann. 👍

Unser erstes Ziel war Ephesus (Efes), eine der größten und besterhaltenen antiken Ruinenstädte der Welt. Die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Stadt liegt etwa 80 km südlich von Izmir. Alte Mauern sind ja nicht jedermanns Sache aber in Ephesus hat man teilweise wirklich das Gefühl, durch eine Stadt zu spazieren, weil Straße, Wege und teilweise auch Bauwerke noch erhalten sind. So braucht man sich nicht erst mühsam vorzustellen wie etwa in Olympia in Griechenland, wie ein Gebäude ausgesehen haben könnte. Ich muss aber gestehen, dass ich mir nicht alles angesehen habe, denn der Planet brannte wieder mit voller Kraft von oben. Rama hat sich die volle Dröhnung gegeben, während ich mir da lieber ein schattiges Plätzchen gesucht habe. Aber das was ich gesehen habe, kann man schon als imposant bezeichnen. Den weniger geschichtsinteressierten die schon mal die Türkei besucht haben, dürfte Ephesus trotzdem ein Begriff sein. Denn dort wird auch das bekannteste türkische Bier gebraut, Efes.

Doch nochmal kurz zurück zu den alten Mauern. Ephesus beherbergte einst auch die Bibliothek des Celsus, ehemals eine der größten Wissensspeicher der Antike. Auch imposant ist das große Amphitheater, wo bis zu 25.000 Zuschauer Platz fanden. Teilweise noch gut erhaltene Wohnhäuser der römischen Elite mit Mosaiken und Fresken. Vom Artemistempel, eines der sieben Weltwunder der Antike, sind allerdings nur noch ein paar Säulenreste übrig. Mein persönliches Highlight waren die römischen Toiletten (nachfolgende Fotos). Damals saß man beim codieren noch ganz ungezwungen nebeneinander und konnte ein Schwätzchen halten, während das kleine oder große Geschäft in einem darunter fließenden kleinen Kanal weggespült wurde. Gut, damals gab es auch noch keine Handys… 😏

Fotos aus Ephesus gibt es hier . Nach Ephesus sind wir zum Pamukkale-Nationalpark gefahren. Am späten Nachmittag kamen wir dort an und sahen schon von weitem, dass es dort brannte. In diesen südlichen Regionen gibt es ja leider fast jährlich Waldbrände, in Pamukkale war der Brand dank mehrerer Hubschrauber und eines Löschflugzeugs am späten Abend unter Kontrolle. Wir hatten uns ganz in der Nähe ein kleines Hotel ausgesucht und Rama wollte unbedingt, dass wir die Besichtigung noch am Abend machten, um gleich am nächsten Morgen weiterfahren zu können. Etwas widerwillig habe ich zugestimmt und gefragt, ob er noch alle Latten am Zaun hat. Morgens den halben Tag bei brütender Hitze durch Ephesus, den halben Tag bei brütender Hitze auf dem Motorrad und abends um halb 7! noch eine Wanderung bei nicht wesentlich gesunkenen Temperaturen. Naja, wir sind dann bis zu einem der Eingänge gefahren und ich bin etwas demotiviert hinter Rama her gestiefelt. Und habe innerlich gejubelt, als wir am Tor ankamen und niemand mehr hinein gelassen wurde.

Doch so einfach lässt sich ein motivierter türkischer Mitbürger nicht abwimmeln. Am Südeingang könnten wir noch hinein, meinte einer der Wächter und zumindest könnten wir zu diesem Eingang hochfahren und uns die Kletterpartie über die weißen Felsen und etwa 200 Meter Höhenunterschied sparen. Wenigstens etwas… Während Rama sich auf dem Gelände ausgetobt hat, habe ich mich auf die Felsen mit ihren weißen Travertinterrassen und den Thermalquellen konzentriert. Und zumindest gab es dort später noch einen schönen Sonnenuntergang zu sehen. Gegen 22 Uhr kamen wir wieder im Hotel an, während um uns herum immer noch dutzende Feuerwehrfahrzeuge umher rasten. Wir haben uns dann noch etwas zu essen bestellt und kamen dort auch noch mit dem Wirt ins Gespräch. Etwa 10 Minuten nachdem wir mit dem Essen fertig waren, kam der noch einmal mit einem Teller zurück, auf dem etwas gegrilltes lag und bot uns und ein paar Usbeken am Nebentisch das an. Während ich mein Stück relativ schnell verputzt hatte, hatte Rama abgebissen und fragte mich, was das gewesen sei. Ich antwortete ihm, dass ich in Spanien mal Bulleneier gegessen hätte, die hätten so ähnlich geschmeckt. Der Wirt nickte und meinte: „Kein Bulle, Schafbock.“ Die Gesichtsfarbe meines türkischen Freundes wechselte rasant die Farbe, während er hastig mit einem Glas Wasser nachspülte und ich mich köstlich amüsierte. Ich habe dann noch bemerkt, dass das wohl Allahs Strafe war, dass er mich an diesem Tag so durch die Botanik getrieben hat…

Von unserem nächsten Stop in Aspendos und der Weiterfahrt zu Ramas Bruder erzähle ich euch dann im nächsten Beitrag, bevor das hier wieder ein Roman wird. Grüße aus der Türkei.